Rezension von RAVEN.child.

Den inneren Raben fliegen lassen

Die Abnabelung von den Eltern, sich selbst suchen, einen Platz in der Welt finden: All diese Themen thematisiert das Tanztheaterstück „Raven.child“ des Potsdamer „Lyriden 18“ Ensembles. Herausgekommen ist ein Mutmachstück für alle.

 

Federn sind ungemein zart – und haben doch Kraft. Sie entscheiden darüber, ob ein Vogel fliegt oder nicht. Das Tanztheaterstück „Raven.child“ des Lyriden-Ensembles, das am Freitagabend Premiere in der Französischen Kirche am Bassinplatz feierte, erzählt von solchen Nuancen. Von Federmomenten, die etwas Neues, etwas Kraftvolles schaffen können.

 

So wie das Kind, das zu Beginn des Stückes geboren wird. Unter einem weißen Bettlaken schlüpft es hervor, die schwarzen Haare etwas verstrubbelt, der ebenfalls schwarze Hosenrock noch etwas zerknittert. Die Mutter hat bereits alles für die Geburt vorbereitet, saubere Laken sortiert, den Raum geordnet. Doch so soll es nicht lange bleiben. Zwar tastet sich die Tochter zunächst an den gesteckten Grenzen ab, imitiert das Verhalten der Mutter, ahmt ihre Alltagsroutine nach. Doch schon bald lässt es ein gefaltetes Laken mit Nachdruck auf den Boden fallen und überquert die von der Mutter vorgegebenen Grenzen – um sich selbst zu suchen.

 

Berührender Abnabelungsprozess

Dieses „Raven.child“, das „Rabenkind“, vollzieht zunächst den natürlichen Abnabelungsprozess eines Kindes: mit pubertärem Aufbegehren, Sinnkrise, Ich-Suche. Eine alltägliche Geschichte. Doch die etwa einstündige Inszenierung von Regisseurin Uta Hertneck versteht es, sie berührend zu erzählen und stellt die niemals langweilig werdende Frage nach dem Sinn unseres Seins.

 

„Raven.child“ kombiniert Tanz, Musik, Gesang, Lyrik sowie Videokunst gekonnt miteinander. Ein auf der Stelle fliegender schwarzer Rabe vor grauem Himmel, der an Wand und Decke der Kirche zu sehen ist, verrät gleich zu Beginn: Hier wird eine Kampfgeschichte erzählt. Ein schmerzhaftes Auf-der-Stelle-Treten, aus dem es sich zu befreien gilt. Der Tanz von Franca Luisa Burandt und Mutterdarstellerin Annekatrin Kiesel zeugt von diesem Schmerz – auf beiden Seiten.

 

Auch die Mutter muss ihren Platz finden

Wenn das Kind sich aufmacht, die Welt zu erkunden, bleibt die Mutter zurück. Ohne ihre erzieherische Aufgabe muss auch sie einen neuen Lebenssinn finden. Den Wandel vom starken disziplinierten Elternteil über die Verlorene bis hin zur selbstbestimmten Frau zeigt Annekatrin Kiesel überzeugend. Berührend arbeitet sie sich aus harten, zackigen in weiche, fließende Bewegungen. Franca Luisa Burandt vollzieht eine ähnliche Wandlung: Ihre Bewegungen sind zunächst geduckt und abgehackt, dann mechanisch suchend und schließlich fließend, dem Himmel zugewandt. Wie sie sich am Ende streckt und reckt, die Füße fest auf den Boden gestemmt, ist ermutigend kraftvoll.

 

Beide Tänzerinnen erzählen nicht nur eine Mutter-Kind-Beziehung, sondern von zwei Frauen, die ihren selbstbestimmten Platz in der Welt suchen. Ohne dabei zu vereinsamen, auch jenseits ihrer vorgeschriebenen Rollen. „Es gibt keine Nähe ohne Anpassungsdruck“, heißt es in einer von Lilli Werner geschriebenen Textzeile.

 

Das Schicksal agiert mit

Gesprochen wird die Passage, wie alle anderen Texte auch, von Katrin Schönermark, die in „Raven.child“ wie das personifizierte Schicksal agiert. Mal spricht sie mahnende Worte von der Empore herunter, mal bewegt sie sich zwischen den beiden Tänzerinnen. Am Ende stehen sowohl Mutter als auch Kind alleine neben dieser Schicksalsfigur. Während sich die Tochter an sie schmiegt, traut sich die Mutter kaum, deren Hand zu berühren. Zwei der berührendsten Momente des Stückes.

 

Die live eingespielte Musik von Olga Riazantceva – Klavier, Cello, Orgel – unterstreicht diesen Prozess mal leise, mal dramatisch und füllt auch die Zwischenmomente mit sehnsuchtsvoller Stimmung – einer Sehnsucht nach Leben, danach, anzukommen. Aber eben auch nach all den Federmomenten dazwischen, die über Flug oder Absturz entscheiden. Eine Antwort auf die Lebenssinnfrage gibt „Raven.child“ nicht. Dafür weckt das Stück den Wunsch, etwas Neues, Kraftvolles in sich zu entdecken. Sich mit dem inneren Raben in die Luft zu erheben. [...]

 

Von Sarah Kugler in den Potsdamer Neusten Nachrichten vom 10. September 2018


Vorankündigung von RAVEN.child.

Vom Loslassen, Verlassen und Finden

„Raven.child“ ist das erste Stück der Theatergruppe Lyriden 18. Noch bis zum 15. September ist das neodramatische Tanztheater in der Französischen Kirche zu sehen. Es erzählt von der Abnabelung eines Kindes von seiner Mutter.

 

Auf Zehenspitzen schleicht die Frau an das, was unter einem weißen Laken verborgen liegt. Berührt es, lüpft das Tuch, zieht es weg. Die zweite Tänzerin darunter schrickt auf, erhebt sich, entfaltet sich – eine Geburt. Dann stehen sich beide Frauen gegenüber. Wer bist du, scheinen beide zu sagen. Sie umkreisen sich, schauen weg, schauen hin. Öffnen sich schließlich in ihrer Gestik, gehen aufeinander zu, berühren sich und beginnen einen Tanz. Ein Umtänzeln, das an das Miteinander von Mutterkatze und ihr Junges erinnern. Mit der Verzögerung eines Sekundenbruchteils folgt Franca Burandt den Bewegungen von Annekatrin Kiesel. Aus dem Lernen und Imitieren wird ein Spiegel, bald ein gemeinsames Spiel. Ein gemeinsames Ich. So harmonisch wird das Stück aber nicht lange bleiben.

 

„Da passiert noch richtig viel, auch Schmerzhaftes“, sagt Uta Hertneck. Die freie Regisseurin und Dramaturgin aus Potsdam hat das Stück geschrieben und führt auch Regie bei „Raven.child“. Es ist das erste Projekt des neu gegründeten freien Musik-Theater-Ensembles „Lyriden 18“. Neun professionelle Künstler aus den Bereichen Komposition, Musik, Schauspiel, Lyrik, Drehbuch, Kalligrafie und Tanz. Manche kennen sich seit Jahren, andere kamen neu hinzu. Das Ziel: Stücke zu entwickeln, mit denen wieder Geschichten erzählt werden. „Kein Experimentiertheater, sondern Neodramatik“, sagt Marcus Hertneck.

 

Die Suche nach dem eigenen Ich

Er hat die Dramaturgie in dem Stück seiner Frau übernommen. Der Drehbuchautor, der für mehrere erfolgreiche TV-Serien und Filme, wie die „Lindenstraße“, geschrieben und konzipiert hat, will das klassische dramatische Erzählen in den Fokus der Arbeit der Gruppe rücken. Weniger unverbindlichen Aktionismus, weg vom Dekonstruktivismus, hin zum roten Faden. Zu einem Erzählmodus mit Dramatik und Aussage, ein Stück, das den Zuschauer mitnimmt und für einen Moment im positiven Sinne befeuert, inspiriert. Deshalb hat sich das Ensemble nach den Lyriden, den Sternschnuppennächten, benannt. „Wir wollen Theaterfunken sein“, sagt Uta Hertneck.

 

Ihr erstes Stück ist „Raven.child“, Rabenkind, das erzählt, wie eine Tochter auf der Suche nach dem eigenen Ich sehr fremde Wege geht. Die Geschichte einer Abnabelung. Ein Kind, das die Mutter verlässt – ein Rabenkind, keine Rabenmutter.

 

Identitäten, Rollenmuster und Zwänge

Das Stück wird vom 7. bis 15. September in der Französischen Kirche aufgeführt. Ein Ort, der aufgrund seiner mittleren Größe und tollen Akustik für Theater gut geeignet ist. Pastorin Hildegard Rugenstein findet, dass darstellende Kunst gut in die Kirche passe. „In der Bibel werden schließlich auch jede Menge Geschichten erzählt, Eltern-Kind-Beziehungen sowieso“, sagt Rugenstein.

 

Uta Hertneck will Raven.child nicht auf Mutter und Tochter reduziert sehen, auch wenn es natürlich zunächst um genau diese Mutter und Tochter auf der Bühne geht. Aber es geht auch um alle Mütter und Töchter, es geht um alle Frauen, um die eine, die man ist. Oder sein will. Oder gerade nicht sein will. Es geht um Identitäten, Rollenmuster und Zwänge.

 

Insofern könnte man das Stück auch mit einem Vater und Sohn erzählen, sagt Uta Hertneck. Aber die Frauen lagen ihr dann doch näher: Denn trotz der Genderdebatte ist die Frage, wie man sich als Frau identifiziert, noch lange nicht auserzählt. Dabei soll aber gar nicht um den Selbstverwirklichungsdiskurs, der in den 1960er Jahren begann, angeknüpft werden. „Damals ging es eher darum, die Zugehörigkeit zu einer Schwarmidentifikation zu finden“, sagt Marcus Hertneck. „Jeder wollte irgendwo dazu gehören, beispielsweise zu einer kulturellen Gruppe. Das gibt es heute ja auch.“

 

Kombination aus Tanz, Gesang und Bildprojektionen

Nein, in ihrem Stück soll es um unterbewusste Rollenmuster gehen. Das, was man zum Beispiel von seiner Mutter, schließlich die erste Frau im Leben einer und eines jeden, übernimmt. „Da gibt es Erwartungen, auch sich selbst gegenüber. Und es braucht Mut, sich davon zu lösen“, sagt die Autorin. „Manchmal muss man verhärtete Selbst- und Fremdbilder aufgeben, um durch das neue Fremde wieder zueinander zu finden. Einander neu lieben zu können.

 

Im Stück wird das durch den Tanz der beiden Figuren erzählt, durch die begleitende, romantisch-dramatische Musik von der Pianistin und Komponistin Olga Riazantceva und durch Videoeinspielungen von Rabenvögel-Bildern. Das negativ konnotierte Bild des bösen Raben wird bewusst gebraucht. Wie angeblich der Rabe seine Jungen, so verlässt auch die Tochter das eigene Ich und das vorgegebene Ich der Mutter. Eine Suche zwischen Distanz und Nähe.

 

Dazu spricht die Schauspielerin Katrin Schönermark nachdenkliche Texte. „Vielleicht bin ich eine alterslose, weise Frau oder eine Göttin“, sagt Schönermark zu ihrer Rolle. „Oder sind wir drei Frauen doch nur eine einzige, in sich aufgespaltene Figur?“ [...]

 

Von Steffi Pyanoe in den Potsdamer Neusten Nachrichten vom 7. September 2018