Neodramatik

Die Dekonstruktion ist mit ihren heiteren Möglichkeiten am Ende. Sie hat ihren Dienst getan, der Horizont ist ohne Grenze, das Erzählen ausgezählt. Die einst so fröhliche Bewegung des Sich-Befreiens hat den Humor verloren und pilgert schwermütig in Richtung Null. Düsterlinge klopfen den letzten Teppich ab, doch es fällt kein Sinn mehr aus den Kulissen. Nicht einmal mehr die Schadenfreude geht. Die Bühne hat ein Loch, irgendwie schwarz, die Richtung, wo sie mal stand. Die Abschaffung der Methode ist inzwischen Methode, die Entlarvung die neue Larve und der Schauspieler das Dekor. Die Antiautoritären sind die neue Elite, ihr Nichtwissen ist esoterisch und der Zuschauer ein Untertan. Was von uns bleibt, das ist ein „Ach“ und ein „Hach“. Mehr nicht.

Dabei war das alles nie der Plan. Da war mal ein anderer Drall hinter dem Angang! Vergessen, adieu, vorbei. Das Nicht-Erzählen, der Nicht-Sinn, das Nicht-Spiel haben zu Schatten ohne Licht und Lichter ohne Schatten verführt. Wir stehen dumm rum wie pensionsberechtigte Dozenten aus Gießen und staunen nicht schlecht. Wir erleben das Comeback der Gespenster und sitzen selbst fest im Grau. Wir lassen alles mit uns machen, denn wir haben nichts zu sagen. Wir wissen nicht mal mehr, wie wir „nichts“ sagen sollen, weil wir nicht mehr wissen, wie sich so ein „Nichts“ erzählen ließe.

 

Schluss damit. Lasst es uns wenigstens versuchen. Setzen wir dem dumpfen Gespenstermarsch ein Ich entgegen und nennen das Ganze: Neodramatik. Gehen wir auf die leer gefegten Bühnen, weil wir wissen, wo sie standen und trauen uns wieder was!

Als erstes beginnen wir mit dem ältesten aller Bühnenmittel, der Handlung, der alten Lady Drama, denn sie setzt das alles wieder in Zusammenhang: Musik und Musiker*innen, Tanz und Tänzer*innen, gesprochenes Wort und Schauspieler*in, Licht und Zuschauer*innen, Welt und Ich. Dann hängen wir zusammen ab wie die Parzen vor dem Feuer und erzählen uns was von einem RAVEN.child., das Angst vor sich selbst hat und es dann einfach mal mit einem eigenen Begehr versucht. Mal sehen, was es sagt, mal sehen, wie. Mal sehen, was daraus wird! Aber es ist ein Anfang.

 

LYRIDEN 18