Fragen an die Regisseurin Uta Hertneck

Wieso „RAVEN.child.“ Und dann auch noch so kompliziert geschrieben. Wieso nicht einfach „Rabenkind“?

„Rabenkind“ klingt, so wie „Rabenmutter“, einfach nur negativ. „RAVEN.child.“ hat vom Klang her was Fremdes, vielleicht Verlockendes und vom Schriftbild her was Neues. Es funktioniert genau deswegen besser als Titel: Es geht in dem Stück um den Schrecken, den jede*r erleben kann, wenn einem das Vertraute in einem anderen Menschen plötzlich fremd entgegenkommt. Es geht aber auch um das Befreiende, das entsteht, wenn dieses Fremde als eigene Fremde erkannt und angenommen werden kann.

 

In dem Stück geht es um eine Mutter-Kind-Beziehung. Authentische und dokumentarische Performances sind die Mode, manchmal stehen schon die eigenen Eltern der Künstler auf der Bühne...

Keine Sorge! In RAVEN.child geht es weder um Authentizität, noch um die Abbildung einer vermeintlichen Realität. Zwar sind eine Mutterfigur (Annekatrin Kiesel) und eine Tochterfigur (Franca Burandt) auf der Bühne zu sehen und sogar eine ältere, scheinbar alles wissende Frauen-Figur (Katrin Schönermark), doch diese drei sind weder verwandt noch verschwägert, sie sind sozusagen „echte Figuren“ und erzählen aus ihren jeweils unterschiedlichen Perspektive heraus von ein und derselben Welterfahrung: Der Loslösung von einem Rollenmuster, das ihnen vorgegeben scheint. Mal sehen, wie weit die Proben tragen, vielleicht sind die drei Figuren sogar ein und dieselbe?

 

Sie arbeiten mit „echten“ Figuren?

Doch. Ja. Ich arbeite mit Motivationen, mit Dramaturgie und von daher auch mit „echten“ Charakteren. Allerdings: Vieles lässt sich nicht in einer Handlung erzählen. Deswegen die verschiedenen Disziplinen: Tanz, Gesang, Lyrik, Musik. Ich brauche Brüche und Leerstellen, in die hinein etwas erzählt werden kann, das sich den üblichen Psychologismen entzieht. Auf diese Weise können wir vielleicht einen Raum schaffen, um nicht nur eine Geschichte zwischen einer Mutter und einem Kind zu erzählen, sondern auch eine universelle Geschichte über das Abschiednehmen-Müssen und das Sich-Neu-Finden-Können.

 

Raben sitzen auf dem Rücken von Hexen oder auf der Schulter von Odin. Spielen sie bei Ihnen auch so eine düstere Rolle?

Nicht ganz. Zwar geht es in meinem Stück auch um die Angst, wenn Rollenmuster aufbrechen, in denen wir gefangen sind, und dann plötzlich nichts mehr geht und alles schwarz wird. Doch da ist immer auch was anderes im Raum, von dem ich erzählen möchte, eine leise Lust auf etwas Neues: Hoffnung. Und dieses Andere ermöglicht neue Begegnungen und eine andere Nähe. Oder anders formuliert: Es  macht Angst, ein Rabe zu sein, anders zu sein, besonders zu sein, und dann ist es aber auch wunderschön, ein Rabe zu sein, Raben können fliegen! Klingt jetzt vielleicht ein bisschen kitschig. Aber Kitsch lässt sich vermeiden, wenn das Erwartbare überraschend passiert.  Wir haben dazu die inszenatorischen Mittel. Wir spielen live Musik. Cello und Piano. Dann sind da die Tänzerinnen, die Schauspielerin. Wenn alles gut geht, können wir auch was mit dem Licht machen und mit einem Beamer die wunderbare Kuppel der Kirche von innen bespielen. Mal sehen!

 

„Erwartung“, „Dramaturgie“, „Inhalt“, „Charaktere“, das alles klingt nach dem Comeback einer „Botschaft“.

Stimmt. Aber nichts sagen kann jeder. Ich will mir Gedanken darüber machen, was ich erzählen möchte, wie ich selbst über ein Thema denke und was ich dabei empfinde. Während der Arbeit an dem Konzept ist mir klar geworden, dass es in RAVEN.child. um ein Vertrauen geht, das tiefer geht als das Vertrauen in die täglichen „Entsprechungen“. Kinder wollen den Bildern ihrer Eltern entsprechen, Eltern denen ihrer Kinder, ich dem Bild, das die Zuschauer von mir haben, die Zuschauer dem Bild, das ich von Ihnen habe. Wir glauben, wir können uns nur dann vertrauen, wenn wir diesen Bildern entsprechen. Dabei geht Vertrauen anders. Es braucht keine Bilder. Es braucht den Mut, sich und den anderen Menschen zu suchen und immer wieder aufs Neue zu suchen.